Eine landesweite Auswertung primärärztlicher Abgabedaten belegt, dass die Covid-19-Pandemie Verordnungs- und Abgabemuster in England spürbar verändert hat. Die Studie „Patterns of medication use across society from national primary care dispensing data“, am 15. Juni 2026 in Nature Health erschienen, analysierte 5,8 Milliarden abgegebene Medikationseinheiten für 52,6 Millionen Menschen im Zeitraum vom 1. November 2019 bis 31. Dezember 2024.
Das Forschungsteam, darunter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der University of Liverpool sowie des British Heart Foundation Data Science Centre bei Health Data Research UK, berichtet von mehreren deutlichen Verschiebungen: Nach einem abrupten Einbruch bei Erstabgaben im ersten Pandemiejahr erholten sich Neuverordnungen für kardiovaskuläre und endokrine Therapien und lagen teils über dem Vorkrisenniveau. Dagegen blieben Neuverordnungen für psychische Erkrankungen sowie für bestimmte Magen-Darm-Erkrankungen länger unter dem Stand vor der Pandemie.
Hervor sticht die soziale Ungleichheit in der Medikamentennutzung. Personen in den am stärksten benachteiligten Deprivationsquartilen begannen im Durchschnitt früher im Lebenslauf mit verschreibungspflichtigen Therapien und erhielten kumulativ mehr Arzneimittel als Menschen in wohlhabenderen Gruppen. Dieser Befund, so die Autorinnen und Autoren, hat unmittelbare Implikationen für präventive und versorgungspolitische Maßnahmen zur Arzneimitteloptimierung.
Die Analyse stützt sich auf verknüpfte elektronische Gesundheitsakten und Abgabedaten der NHS Business Services Authority. Methodisch erläutert werden unter anderem die Definitionen für Inzidenz und Prävalenz von Abgaben sowie die Nutzung des Erstattungsdatums als Proxy für den Abgabezeitpunkt. Ein begleitendes interaktives Dashboard erlaubt Auswertungen nach Alter, Geschlecht und Ethnie.
Für die Einordnung der Ergebnisse ist die Abdeckung der Daten wesentlich: Die Studie fokussiert auf die Primärversorgung; Sekundärversorgungsdaten, rezeptfreie Präparate sowie privat verordnete und besonders hochpreisige Spezialmedikamente werden nicht vollständig erfasst. Die Autorenschaft weist zudem darauf hin, dass Veränderungen in Diagnose- und Behandlungswegen während der Pandemie die beobachteten Abgabetrends mitgeprägt haben könnten.
Insgesamt liefern die Ergebnisse robuste Hinweise darauf, dass die Covid-19-Pandemie die Arzneimittelverwendung in England verschoben und bestehende gesundheitliche Ungleichheiten klarer sichtbar gemacht hat. Für den National Health Service und die Gesundheitspolitik ergeben sich daraus Ansatzpunkte, Prävention, Früherkennung und Medikationsmanagement stärker auf sozial benachteiligte Gruppen auszurichten und bei psychischen Erkrankungen Versorgungshürden gezielt abzubauen.
Redakteurin: Clara Simonichek (Artikel mit KI-Unterstützung).