Laut einer neuen Auswertung britischer Forschungsarbeiten erkranken im Vereinigten Königreich jedes Jahr Tausende Frauen nach der Geburt an einer posttraumatischen Belastungsstörung, ohne eine formale Diagnose oder Behandlung durch den National Health Service zu erhalten. Der aktuelle Befund stützt sich auf veröffentlichte Prävalenzraten und nationale Geburtenzahlen sowie auf Sekundäranalysen groß angelegter Kohortenstudien.
Im Zentrum der Auswertung steht eine landesbezogene Analyse des internationalen INTERSECT‑Surveys durch ein Team um Rebecca Webb an der City, University of London. Dort werden Prävalenzraten von rund fünf bis knapp sechs Prozent für geburtsbezogene posttraumatische Belastungsstörungen berichtet. Hochgerechnet auf die Zahl der jährlichen Geburten im Vereinigten Königreich ergibt sich daraus eine Belastung im vier- bis fünfstelligen Bereich. Nach den vorliegenden Studien wird jedoch nur ein Teil der Betroffenen in der Regelversorgung identifiziert und in spezialisierte Angebote überwiesen.
Die Forschung nennt wiederholt Risikofaktoren: traumatische oder medizinisch komplizierte Geburten, eine als existenziell bedrohlich wahrgenommene Situation für das Kind, mangelnde Kontinuität in der Betreuung, eingeschränkte Kommunikation im Kreißsaal sowie fehlender unmittelbarer Haut‑zu‑Haut‑Kontakt nach der Entbindung. Fachleute betonen zugleich, dass eine posttraumatische Belastungsstörung auch nach objektiv unauffälligen Verläufen auftreten kann, wenn Betroffene die Geburt als überwältigend oder kontrollverlustbehaftet erlebt haben.
Aus den Ergebnissen leiten die Autorinnen und Autoren mehrere Konsequenzen ab. Erstens sollten Hebammen sowie Hausärztinnen und Hausärzte gezielter für geburtsbezogene Traumafolgen geschult werden. Zweitens empfehlen sie standardisierte, evidenzbasierte Screening‑Fragen in der postnatalen Nachsorge, um Symptome rascher zu erkennen und den Zugang zu wirksamen psychotherapeutischen Verfahren zu verbessern. Drittens bedarf es verlässlicher Überweisungspfade in spezialisierte perinatale Dienste, damit Diagnostik und Behandlung zeitnah erfolgen können.
Die Aussagekraft der Zahlen hat Grenzen: Die Schätzungen beruhen auf der Aggregation bereits publizierter Studien und auf modellhaften Hochrechnungen anhand der nationalen Geburtenstatistik. Es handelt sich nicht um eine neue, landesweit repräsentative Primärerhebung. Gleichwohl weisen die übereinstimmenden Befunde verschiedener Datenquellen auf eine substanzielle Untererkennung in der Versorgung hin – mit potenziellen Folgen für die psychische Gesundheit der Mütter, die Bindung zum Kind und den Bedarf an spezialisierten Angeboten im Vereinigten Königreich.
Redakteurin: Clara Simonichek (Artikel mit KI-Unterstützung).